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Bücher

Christina Salem, Akademie für Leseförderung

Al-Fazia: Das Grauen

Al-Fazia: Das Grauen. Überleben in syrischen Gefängnissen

  • Tobi Dahmen hat sich in seiner umfangreichen Graphic Novel „Columbusstraße“ bereits mit einem schwierigen Thema auseinandergesetzt, dem Nationalsozialismus und wie er auf eine Familie einwirkt. Mit seiner neuen Graphic Novel hat sich Dahmen kein minder schweres Thema gesucht, das aber sehr aktuell ist: Das Überleben und Sterben politischer Gefangener während des Assad-Regimes in Syrien.
  • Dahmen hat dazu einen Überlebenden des Al-Fazia-Gefängnisses interviewt und erzählt seine Geschichte ausdrucksstark in Wort und Bild. Dieser Überlebende heißt Akram Al Saud und war viele Monate als politischer Gegner inhaftiert. Die Bedingungen waren unmenschlich: ohne Gerichtsverhandlung, unter Folter, mit viel zu vielen Menschen auf zu engem Raum, ohne Sanitäreinrichtungen, Medizin oder ausreichend Wasser und Nahrung. Ein einziger Gedanke hielt Akram Al Saud am Leben, nämlich dass das Regime seinen Lebenswillen durch diese Bedingungen bezwingen wollte. Dem gab er nicht nach, sondern tat alles, um zu überleben.
  • Diese Graphic Novel bietet Einblicke in ein verstörendes System, das Menschen entwürdigt, quält undtötet und zeigt, was der Migrationsbewegung Mitte der Zweitausendzehnerjahre vorausgegangen ist. Der umfangreiche Anhang enthält nicht nur ein Glossar zentraler Begriffe, sondern auch Landkarten, Dahmens erste Skizzen und mehr Hintergrundinformationen zu den syrischen Gefängnissen, dem Assad-Regime und der Entstehung der Graphic Novel.

  • Tobi Dahmen, Akram Al Saud: Al-Fazia – Das Grauen. Überleben in Syriens Gefängnissen. Hamburg: Carlsen Comics. Ab 16 Jahren.

Freunde

Freunde durch Krieg und Frieden

  • Der Krieg ist vorbei. Das bedeutet, dass die Stadt in Trümmern liegt. Dass viele Erwachsene fehlen und noch mehr Kinder sich selbst überlassen sind. Dass die Grundversorgung mit Wasser, Nahrung, Kleidung und einem Dach über dem Kopf nicht gesichert ist. Dass immer noch Menschen sterben. Tarek, Nata, Ren und Tuk sind eine Gruppe überlebender Kinder und Jugendlicher, die in den letzten Kriegstagen noch von der Armee eingezogen wurden und nach der Niederlage nun versuchen, zu überleben. Mit all der Not um sie herum bleibt ihnen vor allem eins: sie selbst, ihre Gruppe, ihre Freundschaft, die zum Ersatz für die verlorenen Familien wird. Jede:r hat ganz eigene Grausamkeiten und Verluste während des Krieges erlebt, wie sie Nacht für Nacht feststellen, weil die einen sich einnässen, während die anderen ihre Alpträume herausschreien. Die Tage werden der Suche nach Nahrung, Wasser und allem, was sich dagegen eintauschen lässt, gewidmet. Die Besatzer – von den Kindern nur „die Anderen“ genannt – stellen zwar Essen zur Verfügung, jedoch müssen sich die Überlebenden dafür vor dem Denkmal für die „Befreier“ verbeugen und einen respektvollen Gruß äußern. Die Anderen sind gar nicht so anders. Vor dem Krieg waren es die Nachbar:innen, die Familienmitglieder aus dem Nachbarland. Je weiter der Herbst fortschreitet, desto häufiger fällt die Entscheidung für als gegen das Brot aus. Trotz allem werden die Kinder zu Jugendlichen, und neben dem ständigen Kampf ums Überleben passiert eben auch das ganz normale Leben: mal gibt es eine Party, häufig wird von Süßigkeiten geträumt, manche Streiche gespielt und Ren verliebt sich in Nata.
  • Dieser Jugendroman lässt sich auf jede Nachkriegszeit anwenden. Die Mechanismen der letzten verzweifelten Kriegstage und die Zeit der Besetzung sind universell lesbar. Eva Kranenburg zeigt auf subtile und sehr literarische Weise auf, wie Kinder weiterhin versuchen Kinder zu sein, auch wenn das Leben sie in andere Umstände zwingt, und wie das Leben selbst versucht, sich durchzusetzen gegen Tod und Zerstörung. Ein berührender und lange nachhallender Roman für Frieden, nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene.

  • Eva Kranenburg: Freunde. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2026. Ab 13 Jahren.

Bevor der Himmel reißt

Eine kleine Stadt, zwei indische Imbisse und zwei Teenagerleben

  • Heer und Dilly sind die Kinder der zwei indischen Imbisse in Piesnitz, leben und arbeiten gegenüber von einander und gehen zur selben Schule – haben aber noch nie miteinander zu tun gehabt. Heer ist nach dem Tod ihres Vaters verzweifelt, Dilly überangepasst an den Erwartungsdruck seines Vaters. Durch eine junge Aktivistengruppe gelingt es beiden, sich aus ihren Familienkonstellationen zu emanzipieren.
  • Heer und Dilly sind es von klein auf gewöhnt, dass das Familienleben der Arbeit im Imbiss untergeordnet wird , dass kein Urlaub möglich ist, dass die Hausaufgaben im Laden erledigt werden und sie schon als Kinder dort mithelfen. Während Dilly sich bemüht, möglichst angepasst zu sein und nicht aufzufallen (was ziemlich schwer ist, wenn man einen Turban trägt), ist Heer impulsiver, besonders seit ihr Vater bei einer Auslieferungsfahrt infolge eines Unfalls verstorben war. Ihre Mutter verlässt danach nicht mehr das Haus, der Onkel ohne Arbeitserlaubnis führt den Imbiss weiter und alles wichtige bleibt plötzlich an Heer hängen. Dilly sieht ihre Schwierigkeiten und möchte helfen, weiß aber nicht, wie er sich ihr nähern soll. Schließlich treffen beide in einer lokalen Aktivist:innengruppe, die Piesnitz grün und bunt halten und gegen Beton und Rechtsdenken verteidigen will, zusammen. Ein zartes Band entwickelt sich, das Heer aber ein ums andere Mal zerreißt – bis Dilly mit seiner Beständigkeit doch zu ihr durchdringt und es vielleicht sogar mehr als Freundschaft werden könnte.
  • Amani Padda, die selbst aus einer Einwandererfamilie stammt und in Sachsen aufgewachsen ist, beschönt die Härten und Unglücke, denen sich Heers und Dillys Familien ausgesetzt sehen, nicht. Dem Traum, es in Deutschland zu einem besseren Lebensstandard zu schaffen, wird alles andere untergeordnet, auch das persönliche Glück der Kinder, das ursprünglich das Ziel aller Anstrengungen war. Die Last dieser Verantwortung – den höheren Lebensstandard wertzuschätzen, glücklich zu sein, in allem gut bis sehr gut zu sein – ist bei beiden Protagonist:innen spürbar, wobei es Padda gelingt, zwei ganz unterschiedliche Perspektiven aufzuzeigen. Was soll Dilly tun, als sein bester Freund sich einer rechten Gruppierung anschließt? Kann er überhaupt rechts sein, wenn er sein Freund ist? Heer wiederum bestraft ihre beste Freundin, als diese in ihrem Auslandsjahr nichts vom Unfalltod ihres Vaters weiß und deshalb nicht für sie da ist.
  • Padda erklärt in ihrem Nachwort, dass sie mit der Geschichte von Heer und Dilly den Fokus auf diejenigen legen will, die in den Debatten über die politische Gesellschaft in Ostdeutschland oft vergessen werden: Einwander:innen erster, zweiter oder dritter Generation wie sie, die ebenfalls ein Teil dieser Gesellschaft sind, aber viel zu selten gehört werden. Mit diesem Jugendroman verhilft sie den Themen Rassismus und Migration zu mehr Gehör.

  • Amani Padda: Bevor der Himmel reißt. Zürich: Arctis, 2026. Ab 14 Jahren.

Run away with me

Geheimnisse in Rom

  • Danny, der eigentlich anders heißt, ist mit seiner Mutter für einen Sommer in Rom. Während sie arbeitet, streift er durch die Stadt, bis er eines Tages einen anderen Jungen trifft, der ihm seinen Namen nicht verraten will und den Danny deshalb Angelo nennt. Angelo behauptet genauso alt zu sein wie die Stadt Rom selbst und erzählt einige mystische und teilweise abstruse Geschichten, während er für Danny den Fremdenführer spielt. Trotz dieses seltsamen Auftretens übt Angelo eine besondere Anziehung auf Danny aus und so erkunden sie gemeinsam die ewige Stadt. Aus der Anziehung wird schnell mehr. Danny und Angelo sind wie zwei Teile eines Ganzen, die sich wieder zusammensetzen, wenn ihre Körper sich berühren. Im Rom der Achtzigerjahre werden diese Zärtlichkeiten allerdings nur heimlich ausgetauscht, schon eine Umarmung kommt beiden verboten vor. Also finden sie Rückzugsorte und stehlen sich immer weiter fort in die Geheimnisse, die Angelos Geschichten inspirieren.
  • Brian Selznicks queerer Jugendroman beginnt mit etwa 100 Seiten detaillierter Bleistiftzeichungen der Stadt Rom, die die Leser:innen im Folgenden mit Angelo und Danny zusammen besuchen. Ein ums andere Mal blättert man zurück, um sich den Ort noch einmal genauer anzuschauen – ist der Junge am Fenster etwa Angelo? Der Roman endet mit weiteren Zeichnungen, diesmal von Danny und Angelo. Sie hatten zwar nur einen Sommer miteinander und jedes Kapitel zählt die Tage bis zum letzten gemeinsamen Tag herunter, aber in den Zeichnungen werden sie zusammen alt. „Run away with me“ ist ein sehr zarter, unaufgeregter Liebesroman, der die Homosexualität nicht besonders betont, sondern einfach von zwei Jugendlichen handelt, die sich zum ersten Mal verlieben. Und an dessen Ende man nicht sagen kann, ob es ein Happy End ist oder nicht.

  • Brian Selznick: Run away with me. Zürich: Arctis, 2026. Ab 14 Jahren.

Mo & Moritz

Bruderfüße, Vaterhände, Muttergesicht und Moritzwärme: Ein Coming-of-Age-Roman zwischen den Kulturen

  • Mo, das ist Mojad, der mit seiner Familie nach Österreich geflüchtet ist und schreckliche Erinnerungen in sich trägt. Mo, das ist aber auch Moritz, dessen jüdische Familie die Schrecken des Holocaust nicht vergisst. Mojad-Mo, der von der Schule fliegt, der nicht so ganz in seine Familie passt mit dem schweigsam-strengem Vater, dem laut-aggressivem Bruder und der ebenso laut-kämpferischen Schwester. Nur die sensible, liebevolle Mutter ist Mo nahe. Er beginnt eine Lehre bei einem noblen Frisör und erfährt dort zu seiner Überraschung, dass der Meisterfrisör Menschen unabhängig von ihrem sozialen Status allein an ihren guten und schlechten Manieren misst. Bei ihm bekommt Mo die Chance, sich allein durch seine Fähigkeiten zu beweisen, unabhängig von seiner Herkunft und seinem Bildungsstand.
  • Durch die Arbeit begegnet er dem anderen Mo. Moritz begleitet seine Cousine auf den Opernball, auf dem Mo die Frisuren der Debütantinnen richtet. Beide gehen sich nicht mehr aus dem Kopf, treffen sich wieder und verlieben sich ineinander. Mo ist hin- und hergerissen, denn eigentlich darf das nicht sein. Wie soll er das den Eltern und dem Bruder erklären? Nicht nur die Gefühle für einen Jungen, sondern auch die jüdische Religion dieses Jungen machen es Mo unmöglich, seine Familie ins Vertrauen zu ziehen. Und so zieht die Entfremdung, die Mo schon immer begleitet hat, stärker in seine Familie ein.
  • Julya Rabinowich webt eine feine und leise, aber gleichzeitig kraftvolle Coming-of-Age-Geschichte, in der es manchmal ein Drachenherz voller Mut braucht, wie Mo erkennt, um für sich einzustehen. Aber mit Moritz zusammen will er nicht nur schwimmen lernen, sondern auch „…leben lernen. Mein Leben.“ Dass der Weg dorthin und die Emanzipation von den ängstlichen Eltern aus einer anderen Kultur sowie dem aggressiv-verbittertem Bruder nicht leicht ist, beschönt Rabinowich keineswegs, sie zeigt vielmehr auf, wie kleine Momente des Zu-Sich-Stehens immer größer werden können.

  • Julya Rabinowich: Mo & Moritz. München: Hanser, 2026. Ab 14 Jahren.

Das Lied der Amsel

Das versteckte Kind

  • Amsterdam, 2011: Annicks Oma leidet an Leukämie und hofft auf eine Knochenmarkspende. Die Familie wurde getestet, aber keine:r passt als Spender:in. Durch den Arzt erfährt die Oma schließlich, dass sie kein leibliches Kind ihrer Eltern sein kann. Annick ist bestürzt und will ihrer Oma helfen. Das einzige, was diese aus ihrer Kindheit hat, sind einige alte Drucke von Gebäuden in Amsterdam, alles andere wurde in einem Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Als Annick sich die Drucke genauer anschaut, findet sie auf einem eine Widmung: „Für Johanna – Mögen diese Drucke deine Geschichte bewahren.“ Annick fotografiert alle Drucke und macht sich auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Großmutter.
  • Im Folgenden begleiten die Leser:innen Annick an verschiedene Orte in Amsterdam. An jeder Station gibt es in die Jahre 1943 bis 1945 zurückblickende Kapitel: wozu diente zum Beispiel die Hollandsche Schouwburg 1943 und was ist dort heute untergebracht? Bei ihren Recherchen erfährt Annick langsam immer mehr über die Besetzung Amsterdams durch die Nazis und wie mutige Menschen im Widerstand jüdischen Familien geholfen haben, zu entkommen. Dazu gehörte ein großes Netzwerk an Krankenschwestern, die jüdische Kinder in nichtjüdischen Familien versteckten. Ob dies auch das Schicksal ihrer Oma war?
  • In dieser Graphic Novel werden Gegenwart und Vergangenheit stilvoll und anmutig miteinander verwoben. Maria van Lieshout bedient sich dabei sowohl eigener Zeichnungen als auch Fotos aus der Vergangenheit und Montagen aus beidem. Die wenigen verwendeten Farben lenken den Blick aufs Wesentliche und unterstreichen die Erzählung. Dabei leitet eine Amsel sowohl Annick durch ihre Spurensuche als auch die Leser:innen durch die Geschichte des Mädchens und Amsterdam im Nationalsozialismus.

  • Maria van Lieshout: Das Lied der Amsel. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2026. Ab 14 Jahren.

Evermind

Evermind - Sie berechnet mein Leben

  • Eine Künstliche Intelligenz, MAM genannt, regiert die Welt. Oder zumindest die Menschen, die weit unter der früheren Stadt New York leben, nachdem die Erdoberfläche unbewohnbar geworden ist. MAM kümmert sich um alles: Sie berechnet, wie viele Kalorien und Nährstoffe jede Person braucht; sie berechnet, wer mit wem befreundet sein sollte; sie berechnet, welcher Beruf der richtige sein soll. MAMs Stimme ist die erste am Morgen und die letzte am Abend, MAM ist immer da, wenn man sie braucht, auf MAMs Berechnungen ist Verlass. Als aber Livia bei ihrer Initiation einen Beruf zugewiesen bekommt, in den sie sich nur schwer einfinden kann, kommen ihr erste Zweifel. Könnte MAM Fehler machen? Wenn Fehler eine Möglichkeit sind, was könnte dann noch alles fehlerhaft sein? Livias Welt wird auf den Kopf gestellt, als sie dieser Frage zusammen mit einigen Freund:innen nachgeht.
    Melissa C. Hill nimmt die Leser:innen mit in eine spannende neue Welt, die gänzlich von einer KI regiert wird. Während die Menschen unter der Erde sich keine Sorgen machen müssen, da MAM alles für sie berechnet, können sie in digitalen Simulationen der angeblich vernichteten Erdoberfläche des „Upper Age“ ein Leben nachspielen, das es so nicht mehr gibt. Was aber, wenn die Berechnungen fehlerhaft sind? Was, wenn freie Entscheidungen durch die – selbstgeschaffene – Abhängigkeit von der KI nicht mehr möglich sind? Das Buch beleuchtet ein spannendes Thema, das viele Jugendliche interessiert und Gesprächsanlässe für die Vorteile und Gefahren von KI eröffnet.

  • Melissa C. Hill: Evermind. Sie kennt dich. Hamburg: Oetinger, 2025. Ab 14 Jahren.

Die verborgenen Bilder

Zeitreise im Kinderzimmer ins Jahr 1928

  • Friekes Sommerferien sind nicht so, wie sie sich das gewünscht hat. Ihre Eltern trennen sich, sodass sie und ihre Schwester mit ihrer Mutter in eine neue Wohnung ziehen. Der Vater hat nach vielen Jahren Ehe erkannt, dass er schwul ist, und lebt jetzt mit seinem Partner zusammen. Außer Frieke scheint es niemanden zu stören, dass sich alles ändert: Ihre große Schwester Henri, ebenfalls homosexuell, freut sich über das Outing des Vaters und die Mutter hat Verständnis für ihren Ex-Ehemann. Nur Frieke kann sich damit nicht anfreunden. Sie ist wütend auf den Vater, der ihre Familie zerstört hat, wütend auf die Schwester, die das nicht schlimm findet, und wütend auf die Mutter, die einfach aufgibt. Sie schämt sich für ihren Vater und erzählt deshalb ihrer besten Freundin nichts davon. Als dann auch noch der Freund des Vaters beim Umzug hilft, ist für Frieke alles vorbei und sie zieht sich ganz in sich selbst zurück.
  • In der neuen Wohnung gibt es in ihrem Zimmer Zeichnungen an der Wand, die sehr alt aussehen. Frieke untersucht sie genauer.Bei einer dieser Untersuchungen wird sie plötzlich weggerissen. Nach einem kurzen Schwindelgefühl findet sie sich in dem gleichen Zimmer wieder, jedoch sieht es anders aus. Die Wand hat keine Tapete mehr und die Möbel sind altmodisch. Dort im Zimmer sieht sie ein Mädchen in ihrem Alter mit zwei geflochtenen Zöpfen, einem schlichten Kleid und Kniestrümpfen. Sie ist so ganz anders gekleidet, dass Frieke denkt, dass sie einen Zeitreisetraum haben muss.
  • Es stellt sich heraus, dass dies kein Traum war. Immer wenn Frieke die Bilder an der Wand berührt, reist sie in der Zeit zurück und landet in diesem Zimmer - aber im Jahr 1928. Das Mädchen, das in ihrem Zimmer lebt, heißt Ilsabeth. Schließlich kann Frieke mit ihr in Kontakt treten und sie freunden sich an. Frieke verbringt viele Tage mit Ilsabeth in ihrem Zimmer, während bei ihr zu Hause in der Gegenwart keine Sekunde vergeht. Schließlich verbringt Frieke ihre Zeit nur noch in der Vergangenheit mit Ilsabeth, nicht mehr mit ihrer Familie oder ihren Freundinnen. Doch als Ilsabeth und ihre Familie zunehmend begeistert von einem Mann namens Adolf Hitler sprechen, kommen Frieke Zweifel, ob die Freundschaft gut für sie ist. Sie weiß nicht, wie viel sie von der Zukunft erzählen kann, und das wenige, was sie versucht zu sagen, dringt nicht zu Ilsabeth durch. Als jedoch ihr Vater und sein Lebenspartner von Neonazis angegriffen und verprügelt werden, ändert sich Friekes Einstellung drastisch.
  • Maja Ilisch greift ein schwieriges Thema auf: Was ist, wenn meine Freund:innen einer Ideologie folgen, die menschenverachtend ist? Wie kann man es schaffen, dass die Freundschaft nicht über die Ansichten hinwegtäuscht? Denn auch Frieke muss erkennen, dass „Ilsabeths Nazisprüche nicht an ihr abgeperlt waren, wie Frieke das immer geglaubt hatte, sie waren in sie hineingesickert wie ein Tropfstein, der langsam wuchs und wuchs, bis Frieke selbst angefangen hatte, so zu denken wie Ilsabeth.“ Die Autorin zeigt auf, wie es gelingen kann, innerhalb einer solchen Freundschaft seinen eigenen Weg wiederzufinden. 1933 lässt sich nicht mehr verhindern, aber eine Wiederholung schon. Und Frieke erkennt, „dass ihre Familie nicht zerbrochen, sondern einfach ein bisschen größer geworden war.“

  • Maja Ilisch: Die verborgenen Bilder. Hamburg: Oetinger, 2025. Ab 10 Jahren.

Wo ist Lotte?

„Wo ist Lotte?“ – Wie ein Stolperstein eine Schulgruppe zu einer Graphic Novel bewegte

  • Lotte Sondheimer stammt aus dem Ort Gelnhausen in Hessen. Als junge Frau beginnt sie ein sprachwissenschaftliches Studium an der Universität Sorbonne in Paris, von wo sie als Jüdin 1940 von der mit den Nationalsozialisten kollaborierenden Vichy-Regierung erst ins Lager Drancy deportiert wird und 1942 dann ins Konzentrationslager Auschwitz, wo sich ihre Spur verliert.
  • Und damit wäre die Geschichte von Lotte Sondheimer so knapp zusammengefasst, wie sie in den Archiven von Yad Vashem und Arolsen überliefert wurde. Wenn da nicht das Schulprojekt am Grimmelshausen-Gymnasium Gelnhausen gewesen wäre, das Geschichte erlebbar machte – und ein Stolperstein mit Lotte Sondheimers Namen. Die Projektgruppe recherchierte zu Lottes Leben, Verschwinden und Sterben, sie recherchierte in Deutschland, Frankreich und der Welt, sie machte theoretisches Wissen über die Judenverfolgung im Nationalsozialismus unmittelbar greifbar und emotional erfahrbar. Und mit der Unterstützung der Arolsen Archives sowie der Illustratorin Hannah Brinkmann mündeten diese Ergebnisse in eine Graphic Novel, die Lottes Spuren nachgeht. Die großformatigen Zeichnungen werden von kleineren grünen Seiten unterbrochen, die Hintergrundinformationen zur Quellenlage enthalten und so nicht nur Lottes Leben, sondern auch den Entstehungsprozess der Graphic Novel veranschaulichen. Abgerundet wird die Arbeit durch ein Interview mit einigen Schüler:innen der Projektgruppe sowie der Lehrkraft Christine Bischoff. Damit diese Graphic Novel Vorbild für weitere Projekte sein kann, sind die letzten Seiten ein Leitfaden, „Von der Quellenrecherche zur Graphic Novel“, der sich direkt an Lehrkräfte richtet. Ein beeindruckendes Projekt, das auf Nachahmer:innen hofft!

  • Arolsen Archives: Wo ist Lotte? Bad Arolsen 2026. Ab 12 Jahren.
  • Die Graphic Novel kann unter dieser Webseite bezogen werden: https://arolsen-archives.org/mitmachen/arolsen-school/graphic-novel-wo-ist-lotte/

Der Scherbenpalast

Zwischen Scherben, Wut und neuen Erinnerungen

  • Lou ist wütend. Wütend auf alles und jeden. Auf ihre Eltern, die neue Stadt Mannheim, das neue Haus, ihr neues Zimmer, die neuen Nachbarsfamilien und die neuen Mitschüler:innen. Ihre Wut ist so zerstörerisch, dass nicht nur das Familienleben darunter leidet, sondern auch das Ankommen in der neuen Schule überschattet. Überall hinterlässt sie Scherben – sinnbildliche und echte. Nur ein Mädchen lässt sich nicht beirren und dringt langsam zu Lou durch. Sari ist nicht nur in ihrer Klasse, sondern auch Statistin an dem Theater, an dem Lous Mutter ein Engagement hat und wegen dem sie überhaupt nun in Mannheim sind. Sari nimmt Lou überallhin mit und zieht sie auf diese Weise langsam in ihre neue Lebenswelt hinüber. Den größten Teil dieser Arbeit erledigt aber die ältere Nachbarin Freya, bei der Lou so sein kann, wie sie will und ihre Wut durch Zertrümmern von Porzellan austoben kann. Die Scherben setzen die beiden zu neuen Kunstwerken rund um Freyas Haus und Garten zusammen. Und langsam setzt sich auch Lous Leben neu zusammen, besonders als dann auch noch der schwermütige Tikey dazukommt, der vor Lous Umzug mit seinen Eltern in ihrem Haus lebte.
    Annette Mierswa gelingt es in „Der Scherbenpalast“ ebenso eindringlich, Lous Wut auf die ganze Welt auszudrücken, wie auch mit kraftvollen sprachlichen Bildern die allem zugrundeliegende Angst: Angst vor der Veränderung, die das Leben bedeutet; Angst davor, in einer neuen Gruppe nicht akzeptiert zu werden; Angst, nicht selbst über sein Leben bestimmen zu können; Angst, sich unerwidert zu verlieben; Angst, Freund:innen zu verlieren und selbst nicht mehr zu wissen, wer man ist und wo man hingehört. Damit ist „Der Scherbenpalast“ auch ein mitreißender Coming-of-Age-Roman, der nicht nur Leser:innen dieser Altersgruppe anspricht.

  • Annette Mierswa: Der Scherbenpalast. Stuttgart: Freies Geistesleben 2025. Ab 14 Jahren.

Die Spur der Vertrauten

Kein Ich, nur das Wir: ein fantastischer Jugendroman

  • In Claires Welt haben alle Menschen einen Instinkt, der über ihr gesamtes Leben entscheidet. Mit elf Jahren wird dieser Instinkt jedem ins Gesicht tätowiert, sodass er für alle anderen erkennbar ist. Ist man ein Reparateur, so trägt man immer Werkzeug mit sich herum und kann an keiner locker sitzenden Schraube vorbeigehen. Vertraute schirmen sich von ihrer Umwelt durch übergroße Kopfhörer, laute Musik und schalldichte Räume ab, denn sie werden durch ihren Instinkt dazu gezwungen, jedem Menschen zuzuhören, wenn er spricht – egal wie lange, egal worüber. Schützer zu sein bedeutet, sich zwischen eine andere Person und eine Gefahr zu werfen, auch wenn es das eigene Leben kosten wird. Und Wirte müssen ihre Gäste bedienen, auch wenn diese nicht bezahlen, der Instinkt lässt ihnen keine Wahl. Was zählt, ist einzig und allein das Wir, jeder und jede muss sich in den Dienst der Gesellschaft stellen. Übt man seinen Instinkt nicht aus, so altert man rapide und verliert seine Gesundheit bis zum Tod.
  • Den Instinkt eines anderen Menschen zu missbrauchen, ist eine Straftat und dennoch findet dies täglich statt, z. B. wenn man einem Fügsamen durch Nutzung eines Imperativs keine Wahl lässt. Claire, die Vertraute, und Goliath, der Schützer, gehen einer Reihe von verschwundenen Schüler:innen nach und stoßen dabei auf Vieles, was das Bild von der Gesellschaft, in der sie leben, bis auf die Grundfesten erschüttert.
  • Die Autorin hat in diesem Roman eine atemberaubend fantastische Welt erschaffen, die Leser:innen von der ersten Seite an in ihren Bann schlägt. Neben der packenden Kriminalgeschichte ist es vor allem das Leben in dieser so anderen Gesellschaft, das einen Seite um Seite verschlingen lässt und Leser:innen wie nebenbei auf philosophische Überlegungen mitnimmt: Sind ein freier Wille und ein individuelles Leben mit solch einem Instinkt möglich? Gibt es bessere und schlechtere Instinkte oder sind alle gut, weil sie der Gesellschaft als Ganzes dienen? Besteht wirklich keine Möglichkeit, gegen den Instinkt zu handeln, auch wenn ich weiß, dass es falsch ist? Dieser Pageturner eignet sich hervorragend, um die dunkle Jahreszeit mit Fantasie zu füllen.

  • Christelle Dabos: Die Spur der Vertrauten. Frankfurt am Main: Rotfuchs, 2025. Ab 14 Jahren.

The Things We Leave Behind

Das Mädchen, das überlebte


  • Einer der letzten schönen Tage in Clems Leben ist ihr 15. Geburtstag, den sie mit ihrer Familie und Freund:innen im Park feiert. Doch bald danach verändert die Politik das Leben der Menschen in England erheblich. Ein autokratischer Premierminister schränkt die Bürgerrechte ein, viele Personen werden des Landes verwiesen, Polizei und Militär gehen brutal gegen Andersdenkende vor, es gibt Ausgangssperren und Lebensmittel werden knapp. Clems Familie wird dadurch auseinandergerissen, denn Claudia, Clems Stiefmutter und die Mutter ihrer kleinen Schwester Billie, kommt in ein Internierungslager. Der Vater ist im Widerstand aktiv und schickt die Schwestern zu ihrem Großvater aufs Land. Doch auch da sind Billie und Clem nicht sicher und müssen im Wald leben, bevor sie aus ihrem Heimatland flüchten und hoffen, in Schottland in Sicherheit zu sein. Die Flucht über das Meer ist so dramatisch, dass Clem fast stirbt. Die Geschwister kommen in eine Einrichtung für unbegleitete Minderjährige, wo sich Clem in vielen Sitzungen einer Psychotherapeutin anvertraut. Denn das, was die Leser:innen bis hierhin erfahren haben, ist nicht die ganze Wahrheit.
    „The Things We Leave Behind“ ist über weite Teile eine sehr leise erzählte Geschichte über Flucht und Vertreibung, ohne zu sehr die Hintergründe oder die Lebenswelt der Geschwister zu erläutern. Die meisten Figuren bleiben nur angedeutet und auch bei Clem haben die Leser:innen nie ganz das Gefühl, sie zu verstehen, da sie etwas zurückhält. Als sie dann jedoch von ihrer Flucht aus dem Wald und übers Meer berichtet, kommt eine andere Dynamik in die Erzählung und es wird mitgefiebert, wann herauskommt, was wirklich passiert ist.
    Clare Furniss verwebt viele schwierige Themen in diesem Roman, mit denen auch Jugendliche leider oft konfrontiert sind. Da sind die Probleme, die es in einer Patchworkfamilie geben kann, oder die Sorgen um zurückgelassene Freund:innen und Familienangehörige, während man selbst auf der Flucht ist und um sein Überleben kämpft. Und da ist letztendlich auch das große Thema Tod und Verlust und wie man sich dem stellt. Ein berührender Roman nicht nur für jugendliche Leser:innen.

  • Clare Furniss: The Things We Leave Behind. Frankfurt am Main: Rotfuchs 2025. Ab 14 Jahren.

Luna + Laura - Voll miese Laune

Ein Sturm an mieser Laune

  • Freundinnen machen viele Dinge miteinander: Sie spielen, lachen, toben und streiten. Manchmal ist es dabei nicht so einfach, überhaupt zu wissen, warum man sich streitet. So geht es auch den Freundinnen Luna und Laura. Als sie eines Tages aus der Schule nach Hause kommen, ist Luna ein Sturm, der durch das Haus fegt, Jacken und Schuhe von sich wirft und Türen knallt. So laut, wie Luna herumwirbelt, so leise ist Laura, als sie nach ihr ins Haus kommt. Laura versucht alles, um die Laune ihrer Freundin zu verbessern: sie bringt ihr ein Eis, holt die Katze zum Spielen, macht Musik an und malt ein schönes Bild von sich und Luna. Doch nichts hilft, Lunas Laune bleibt unterirdisch. Erst, als sie eine Weile alleine ist, kommt Luna zur Ruhe, und merkt, wie gemein sie sich verhalten hat. Schnell will sie zu ihrer Freundin, doch nun ist Laura so traurig, dass sie sich abkapselt. Luna kommt ins Grübeln – vielleicht hat die ganze miese Laune schon in der Pause angefangen, als sie selbst lieber mit Nele und daraufhin Laura mit Lotta gespielt hat?
    Eine Geschichte aus dem Alltag von Freundinnen, wie wir sie alle kennen, wird in diesem kleinen Buch mit Wortwitz und mehr Bildern als Text, die ihre ganz eigene Sprache sprechen, erzählt. Der Wortwitz wird auch durch das besondere Konzept der Titel von Inge Bosse erzeugt: In diesem Buch bestehen alle Wörter aus maximal fünf Buchstaben – da braucht es an mancher Stelle viel Kreativität, um die Geschichte zu formulieren. Gleichzeitig können unmotivierte Leser:innen durch diesen Umstand zum Lesen verlockt und durch die alltägliche Geschichte zum Nachdenken über ihr eigenes Verhalten angeregt werden: eine klare Empfehlung für Grundschulbibliotheken.

  • Inge Bosse: Luna + Laura - voll miese Laune. Wolfenbüttel: Lauter 2025. Ab 5 Jahren.

Das letzte Aufgebot

Zwischen Pflicht und Gewissen: Jugendliche im Krieg

  • Deutschland 1944. Die Männer sind an der Front oder bilden andere dafür aus, die Bevölkerung lebt im Kriegselend und täglich falschen Meldungen zum angeblich bevorstehenden Endsieg. So auch Jakob, seine Mutter und sein kleiner Bruder Emil, die nie so viel zu essen haben, dass sie satt werden. Jakob hat schon seit langer Zeit keine Schuhe mehr, aber in der Ortsgruppe der Hitlerjugend geht es mehreren so. Immerhin hat er seine Freundin Maria, in die er sehr verliebt ist. Als immer mehr Soldaten für die näherrückende Front gebraucht werden, zieht man schließlich auch Jugendliche ab 16 Jahren ein. Das sind fast alle Freunde von Jakob, weshalb er sich als Fünfzehnjähriger freiwillig meldet, denn er will nicht als einziger nicht fürs Vaterland kämpfen und wie ein Feigling dastehen. Und so verlässt Jakob seine Freundin und seine Familie und macht sich mit seinen Freunden auf in ein großes Abenteuer, aus dem sie als Helden zurückzukommen hoffen. Doch schon im Ausbildungslager zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität: Der als heroisch propagierte deutsche Soldat entpuppt sich oft doch als bloßer Mensch mit Ängsten und schlechten Eigenschaften, die Versorgung der Kämpfenden als mangelhaft und die vielbeschworene Ehre oft als Arroganz. Auf einem letzten kurzen Urlaub, bevor Jakob an die Front geschickt wird, macht er seiner Freundin Maria einen Heiratsantrag. Unter Tränen gesteht sie ihm, dass sie ihn nicht heiraten kann, weil sie Jüdin ist. Jakobs Weltanschauung gerät ins Wanken, doch leider werden sie bei diesem Gespräch belauscht, sodass Jakob jetzt nicht nur um sein Leben fürchten muss, weil er als Rasseschänder gilt, sondern auch um die Sicherheit seiner Familie und natürlich Marias.
  • Moritz Seibert gelingt es in diesem Roman sehr eindrücklich, die Leser:innen an der Zerrissenheit eines Jugendlichen zwischen Indoktrination und dem Erwachen aus dieser teilhaben zu lassen. Inmitten der vielen Jugendromane über die Zeit des Nationalsozialismus besticht dieser durch eine sanfte Eindringlichkeit, die sich in der allmählichen Zerstörung von Jakobs Welt offenbart und die Leser:innen jeden Einsturz selbst miterleben lässt. Ein berührender Roman mit starken Figuren, der sich nicht nur gut für die historischen Hintergründe eignet, sondern auch um mit Jugendlichen über Indoktrinierung ins Gespräch zu kommen.

  • Moritz Seibert: Das letzte Aufgebot. München: Karibu 2025. Ab 14 Jahren.

Greta Grimaldi

Kaspar und Greta: Geheimnisse, Verfolgung und Mord

  • Was hat es mit dem mysteriösen Kasper Hauser auf sich? Ein spannender Jugendroman
  • Es ist das Jahr 1829, als Greta mit ihrem Vater, dem berühmten Kriminologen Dr. Grimaldi, von Italien nach Nürnberg reist, um dort einen Mord zu verhindern und ein Geheimnis aufzuklären. Denn in Nürnberg lebt ein junger Mann, der keine Vergangenheit hat, und von dem niemand weiß, was die Zukunft ihm bringen wird: Kaspar Hauser. Angeblich hat er sein ganzes Leben abgeschottet in einem Kellerraum verbracht, ohne je mit anderen Menschen Kontakt gehabt zu haben. Das einzige, was er dabeihatte, war ein kurzer Brief, dass man sich seiner annehmen möge. Aber vor kurzem sind Todesdrohungen gegen Kaspar Hauser aufgetaucht, die Dr. Grimaldi und seine Tochter nun untersuchen sollen, um so den scheinbar geplanten Mord an dem Findelkind zu verhindern. Die Grimaldis und besonders die junge Greta decken im Zuge ihrer Ermittlungen allerlei Geheimnisse, Lügen und Täuschungen auf.
  • Mit Greta Grimaldi erhält die bekannte Geschichte um den mysteriösen Kaspar Hauser eine neue Perspektive mit einer starken, jungen und weiblichen Hauptfigur. Morisonotti hält die Spannung gekonnt bis zum Schluss aufrecht, mehrere Geheimnisse werden erst spät gelüftet, so dass die Leser:innen versuchen, selbst auf die Lösungen zu kommen. In vielen Kapiteln sind ganzseitige Illustrationen von Nachrichten und besonderen Gegenständen, die in dem Kriminalfall eine Rolle spielen, eingesetzt, wodurch das Miträtseln noch greifbarer wird. Ein spannender Jugendroman, der durch den Untertitel Hoffnung auf Folgebände macht. Sicherlich ist er eine gute Sommerlektüre für den Julius Club.
  • Davide Morosinotto: Greta Grimaldi. Und der Junge aus dem Schatten. Stuttgart: Thienemann, 2025. Ab 12 Jahre.

  • Davide Morosinotto: Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten. Stuttgart: Thienemann 2025.

Stein schlägt Papier

Volljährig, aber auch erwachsen?

  • Lee (Leonie) ist gerade 18 geworden, von zu Hause ausgezogen und bereitet sich auf den Eignungstest bei der Polizei vor. Ihre große Leidenschaft ist Taekwondo. Der Sport und ihr Meister haben ihr über viele schwierige Jahre in ihrer Kindheit und Jugend hinweggeholfen. Nun fühlt Lee sich bereit, ins Erwachsenenleben zu starten. Doch leider verhält sie sich in einer kritischen Situation gar nicht erwachsen, was schließlich in polizeilichem Arrest und sogar einer Inhaftierung endet. Damit ist ihr der Weg in den Polizeidienst versperrt, sodass Lee ihre Pläne für die Zukunft und ihr Bild von sich selbst neu ausrichten muss. Ihre größte Stütze ist ihr dabei ihr Meister, der sich um sie kümmert, als Lee selbst es nicht kann. Denn mit 18 ist man zwar schon volljährig, aber nicht unbedingt erwachsen, was sich auch in der Abwägung zwischen Jugend- und Erwachsenenstrafrecht für Achtzehn- bis Einundzwanzigjährige widerspiegelt, wie Lee selbst erfahren muss.
  • Christina Erbertz beschreibt mit einfachen Worten und Strukturen eine Alltäglichkeit, die sich bei falscher Reaktion zu einem drastischen Einschnitt im Lebensweg auswachsen kann. Allerdings vermittelt „Stein schlägt Papier“ auch die Hoffnung, dass es eine Alternative gibt, und eine Neuausrichtung, auch wenn es ganz düster aussieht, gelingen kann.

  • Erbertz, Christina: Stein schlägt Papier. Weinheim: Beltz Gelberg 2025. Ab 14 Jahren.

Die Verwandlung (GN)

Kafkas „Die Verwandlung“ als Graphic Novel

  • „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Diesen ersten Satz aus Franz Kafkas berühmter Erzählung vergisst wohl niemand, der ihn schon einmal gelesen hat. „Die Verwandlung“ ist aus den Lektüreempfehlungen für den Literaturunterricht nicht wegzudenken. Doch fällt es Schüler:innen zunehmend schwerer, sich dem von Kafka verwendeten Sprachstil aus dem Jahr 1912 anzunähern. Graphic Novels können eine Brücke zu klassischen Texten schlagen. Durch ihre künstlerisch-graphische Umsetzung des Stoffes motivieren sie zur Auseinandersetzung mit dem Gelesenen und machen ihn gleichzeitig anschaulich verständlich. Passagen des Originaltextes können mit den entsprechenden Panels der Graphic Novel verglichen und besprochen sowie Details im Text und der Darstellung untersucht werden.
  • Corbeyran Horne drückt mit seinen Zeichnungen den düsteren Charakter von Kafkas Erzählung spürbar aus. Alles ist in Grau, Braun, Schwarz und Weiß gehalten, lediglich einige Details weisen einen Hauch von blassem Gelb oder Orange auf. Die Verzweiflung sowohl der Kakerlake als auch der restlichen Familie Samsa ist sichtbar. Erst als Gregor stirbt, kehrt die Farbe in das rote Kleid der Schwester zurück, die nun nach dem Tod des Ungeziefer-Bruders ein unbeschwertes Leben führen kann.

  • Corbeyran Horne: Die Verwandlung von Franz Kafka. München: Knesebeck 2009. Ab 15 Jahren.

Nur noch ein bisschen mehr (GN)

Erst zu viel, dann zu wenig: Eine Graphic Novel über Essstörungen

  • Janne ist ein fröhliches Mädchen, das Kaninchen und Computerspiele mag. Als sich bei einigen Mädchen in ihrer 6. Klasse zunehmend alles ums Aussehen dreht, verliert Janne, das dickste Mädchen der Klasse, ihre Freundin an die hübsche Renate und ihre coole Clique. Fortan wird sie beschämt und ausgegrenzt. Und auch zu Hause wird Jannes Gewicht zum Thema: Während die Mutter versucht, einfühlsam mit ihr darüber zu reden, hört Janne die wenig empathischen Bemerkungen ihres Vaters dazu. Aber der Plan der Eltern, Janne zum Abnehmen zu animieren, indem sie ihr für jedes verlorene Kilo Geld geben, geht auf. Allerdings setzt sich in Jannes Kopf das Bild eines fetten, schleimigen, dunklen Monsters fest, das sie selbst ist. Jedes Mal, wenn sie isst, fühlt sie sich schuldig und versucht die Kalorien durch lange Spaziergänge abzulaufen und verzichtet immer mehr aufs Essen und im gleichen Maße auch auf soziale Kontakte.
  • Essstörungen bei jungen Mädchen darzustellen, ist ein schwieriges Thema, das behutsam angegangen werden muss. Jenny Jordahl ist dies sowohl in ihren Bildern als auch in den Texten in dieser Graphic Novel gelungen. Die klaren, bunten Zeichnungen animieren zum Lesen und bilden die Geschehnisse nachvollziehbar ab. Besonders eindrücklich ist das Monster, das Jannes Gedanken begleitet, ihr Selbstwertgefühl herabsetzt und sie weiter in die Isolation treibt. Neben Einblicke in Jannes Innenleben zeigt Jordahl auch, wie die Eltern beinahe hilflos zusehen, wie ihre Tochter zuerst über- und dann untergewichtig wird. Sie wollen ihre Tochter liebevoll unterstützen, wissen aber nicht, wie sehr sie Janne dabei auch verletzen.
  • Essstörungen sind in allen Industrienationen ein großes Thema, deshalb braucht es mehr altersgerechte Lektüren wie diese. Auf den letzten Seiten sind Hilfestellen aufgelistet, an die sich Jugendliche wenden können. Dieses Buch gehört definitiv in jede Schulbibliothek.

  • Jenny Jordahl: Nur noch ein bisschen mehr. Zürich: Atrium Pics, 2025. Ab 12 Jahren.

Ingrid und Paul (GN)

Wenn mein Bruder ein Nazi ist: Ingrid und Paul

  • Ingrid und Paul leben in einer Kleinstadt in der Nähe von Köln, als der Nationalsozialismus in ihr Leben kriecht. Zuerst mit Gesten wie dem Hitlergruß, dann mit der Entführung des Nachbarn, der in der Gewerkschaft ist. Ungleichbehandlung, Bevormundung und Androhung von Gewalt nehmen zu. Als die Mutter bei einem Unfall stirbt und die neue Frau des Vaters die führerzentrierte Ideologie unterstützt, geht der junge Paul seinen Weg in die Hitlerjugend, während seine ältere Schwester Ingrid sich innerlich und im Kleinen auch äußerlich gegen die Indoktrinierung wehrt. Die Geschwister entzweien sich, Vertrauen gibt es nicht mehr. Schließlich ist es Paul, der seine Schwester zu einem Rendezvous mit ihrer Freundin Lilli verfolgt und festnehmen lässt. Ingrid hat „Unzucht“ begangen und wird als „Asoziale“ zuerst in ein Erziehungsheim gesteckt, später ins KZ Ravensbrück. Währenddessen ist Paul ein Vorzeige-Hitlerjunge, jedoch macht er sich einige Jahre später unter einem Vorwand auf ins KZ um seine Schwester zu sehen. Die Erlebnisse dort verändern ihn und lassen ihn erkennen, dass die Ideologie der Nationalsozialisten unmenschlich ist. Er tritt der Edelweiß-Gruppe bei. Ingrid gelingt die Flucht und die Geschwister, inzwischen durch den Tod des Vaters an der Front verwaist, treffen sich wieder.
  • Erzählungen und auch Graphic Novels über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es viele. Was an dieser Graphic Novel besonders ist, sind die 13 Episoden, eine für jedes Jahr des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. Jede Episode nimmt die Leser:innen mit in das Leben von Ingrid und Paul. Dabei sind einige länger und andere schildern lediglich eine Schlüsselszene. Im Anhang zu jedem dieser Kapitel gibt es eine Auflistung der in diesem Jahr von den Nationalsozialisten eingeführten Veränderungen in Gesetzgebung und Gesellschaft, die das Gelesene ergänzen.
  • Die Zeichnungen kommen ganz ohne Farbe aus. Es sind sehr detailreiche und klar ausgearbeitete Darstellungen der Lebenswirklichkeit der Geschwister. Lediglich der Farbton ändert sich: Die ersten Episoden sind sepiafarben und lassen so den Eindruck von alten Fotos entstehen. Dieser Braunton scheint jedoch erst zu einem Lila zu verblassen um schließlich in einem bedrohlichen, emotionslosen Grau-Schwarz zu enden.
  • „Ingrid und Paul“ gibt einen nachwirkenden Einblick in das Alltagsleben einer deutschen Familie im Nationalsozialismus: in die Zerrissenheit innerhalb einer Familie, in die unterschiedlichen Wege und Schicksale. Dabei versuchen die Autor:innen nicht, das ganze Spektrum der Gräueltaten abzubilden, sondern konzentrieren sich auf die beiden Protagonist:innen, wodurch ihre Tragödien besonders eindrücklich erlebbar werden.

  • Ingo Haeb, Luise Mirdita: Ingrid und Paul. Berlin: Jacoby & Stuart, 2025. Ab 14 Jahren.

Stolz und Vorurteil (GN)

Miss Elizabeth und Mister Darcy als Graphic Novel

  • Wer sie noch nicht kennt, die romantische Liebesgeschichte zwischen Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy, 1813 verfasst von Jane Austen, der kann sie nun als Graphic Novel erleben und diese Kombination aus Bildern und Text für ein schnelles Lesevergnügen nutzen.
  • Elizabeth Bennet ist die zweitälteste von fünf Töchtern einer verarmten adligen Familie auf dem Land. Als der vornehme und reiche Junggeselle Mr. Bingley in die Nachbarschaft zieht, hoffen alle unverheirateten Frauen der Umgebung darauf, ihn für sich zu gewinnen. Dies gelingt Elizabeths älterer Schwester Jane zwar recht schnell, jedoch intervenieren Bingleys Schwester und sein Freund Darcy, da beiden die Familie Bennet als zu arm und vulgär erscheint. Elizabeth ist abgestoßen von Darcys Überheblichkeit und wütend, dass ihre Schwester wegen ihm unter der Trennung von Bingley zu leiden hat. Als jedoch die Familie Bennet einige unangenehme Vorfälle ereilen, ist es Darcy, der ihnen selbstlos hilft. Auch diverse Missverständnisse, Scham und Einkommensunterschiede können letztendlich nicht verhindern, dass Darcy und Elizabeth sich verlieben und sie schließlich kurz nach Jane und Bingley ebenfalls heiraten.
  • „Stolz und Vorurteil“, Mister Darcy und Miss Elizabeth sind durch den weltweit übersetzen Klassiker von Jane Austen und durch diverse Verfilmungen (zuletzt 2005) mehreren Generationen (meist weiblichen Leser:innen) bekannt. Claudia Kühn und Tara Spruit haben nun eine weitere Möglichkeit geschaffen, in diese Liebesgeschichte einzutauchen. In der Graphic Novel kommen zwei Darbietungsformen zusammen, der Text in gekürzter Fassung sowie eine Bebilderung in schönen, detailreichen und fein ausgearbeiteten Zeichnungen in angenehm zarten Farben. Wenn man den Plot bereits kennt, kann man sich an diesen Zeichnungen beim erneuten Lesen erfreuen. Andere mag die Mischung aus Text und Bild vielleicht erst dazu motivieren, sich diesem Klassiker zu widmen. In beiden Fällen ist das Lesevergnügen gesichert.

  • Claudia Kühn und Tara Spruit: Stolz und Vorurteil. Die Graphic Novel nach Jane Austen. Bindlach: Loewe, 2024. Ab 12 Jahren.

Meute (GN)

Alles für die Forschung: Die Jagd auf Andersartige

  • Am „Institut für zeitgenössische Wissenschaften“ haben Wissenschaftler ein ganz besonderes Studienobjekt: einen Werwolf, der in den umliegenden Wäldern gefangen wurde. Als die Studentin Margot ihr Praxissemester beginnt, wird sie als Frau damit betraut, den Werwolf zu versorgen. Somit verbringt sie mehr Zeit mit dem Werwolf als die Wissenschaftler, die sich darüber streiten, ob es sich um ein Tier, einen Menschen oder ein hybrides Wesen handelt. Eines Tages spricht der Werwolf plötzlich mit Margot, sodass die beiden sich besser kennenlernen und eine Beziehung zueinander aufbauen. Während Margot den Werwolf, der Versailles heißt, fasziniert beobachtet und alles notiert, verzweifeln die Wissenschaftler immer weiter, denn sie haben alles gemessen und berechnet, kommen aber trotzdem zu keinem Ergebnis: Was ist dieses Wesen? Warum existiert es? Um mehr Daten zu sammeln, werden Jäger losgeschickt, die das Rudel im Wald suchen und fangen sollen, während an Versailles schmerzvolle Experimente durchgeführt und ihr Körper ausgestellt wird.
  • Schließlich hat Margot Mitleid mit Versailles und befreit sie. Gemeinsam kehren sie in den Wald zu Versailles‘ Rudel zurück, wo Margot für ihre Forschung jedes Mitglied nach seinem Leben vor der ersten Verwandlung in einen Werwolf befragt. Als sich die Jagd auf das Rudel zuspitzt, geht Margot mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit: Mittels Plakaten, Flyern und einer Demonstration klärt sie die Menschen über die Werwölfe auf und fordert Akzeptanz. „Es geht mir darum, euch sichtbar zu machen, so wie ihr wirklich seid. So, wie ihr gesehen werden wollt. Damit man euch endlich versteht.“, sagt Margot zu dem Werwolf Rémy. Letztlich ist es die Liebe des Bürgermeisters zu seiner Tochter Louise, die seit kurzem auch ein Werwolf ist, die verhindert, dass dem Rudel Gewalt angetan wird.
  • Die zwei Welten in dieser Graphic Novel unterscheiden sich bereits durch die Farbwahl: Der städtische Schauplatz ist in Brauntönen dargestellt, der Wald der Werwölfe hingegen in Grüntönen. Kröger nutzt zwar Panels, führt die Zeichnungen aber oft kraftvoll über die Ränder hinaus oder verzichtet zugunsten der Figuren ganz auf begrenzende Rahmen. Details sind oftmals nicht ausgearbeitet, Konturen verschwinden ineinander, Schatten verdunkeln Einzelheiten. So bleiben bei den Betrachter:innen Leerstellen, die zu mehrmaligem genauen Hinschauen und zu eigener Fantasie auffordern.
  • Was Noëlle Kröger in dieser Graphic Novel mittels einer Fabel erzählt, ist die Geschichte vom Anderssein. Menschen, die von der Norm abweichen, neue Wege gehen, nicht ins Schema passen, werden erforscht und ihre Existenzberechtigung wird angezweifelt. Da Kröger selbst nichtbinär ist, kann „Meute“ als Analogie für die Akzeptanz der LGBTQ+-Szene gelesen werden. In vielen Gesellschaften ist eine Abweichung von Heterosexualität strafbar oder es sind nur zwei Geschlechter erlaubt. Menschen, die nicht in dieses Schema passen, kämpfen um Toleranz, Akzeptanz, Verständnis und Frieden, wie der unter die Haut gehende Dialog zwischen Mensch und Werwolf am Ende des Buches zeigt: „Hätten wir etwas anders machen können?“ Ein Werwolf antwortet: „Ich weiß nicht. Bestimmt. Aber noch wahrscheinlicher: Nein.“ Und schlussendlich die Frage auf dem letzten, ganzseitigen Panel, die an die Leser:innen weitergegeben wird: „Oder?“

  • Aufgrund der anspruchsvollen Thematik und den teils düsteren Zeichnungen empfiehlt sich ein Lesealter ab 15 Jahren.

  • Noëlle Kröger: Meute. Berlin: Reprodukt, 2024.

Zweiklang

Reparieren bedeutet heilen

  • Was macht man als junger, schwuler Heranwachsender, der musikalisch begabt ist und sich somit von der restlichen männlichen Bevölkerung seines kleinen Dorfes abhebt, in dem Frauen grundsätzlich als Weibchen bezeichnet werden? Man verlässt diesen Ort so schnell wie möglich. Nach dem Tod seiner Mutter fällt Torleif in ein tiefes Loch, aus dem ihn nur der Besuch einer musischen Schule in der Großstadt herausholen kann, der mit einem Umzug verbunden ist. Hier kann er inmitten seiner neuen Freund:innen er selbst sein und muss sich nicht mehr verstellen. Nie wieder will er in sein Heimatdorf zurückkehren. Aber dann erkrankt sein Großvater schwer und braucht Torleifs Unterstützung, da sein Vater und Bruder die Elchjagd nicht verschieben wollen. Und so kommt Torleif widerwillig für einige Zeit zurück und hilft seinem „Goffa“ in dessen Werkstatt. Der Großvater baut Hardangerfideln, und er und Torleif teilen die Liebe zur Musik. Als sich dann die Leiterin der Musikschule die Hand bricht, springt Torleif ein, um mit ihrer Klasse für das Hardangerfidel-Konzert zu üben. Dabei begegnet er Horimyo, dem Austauschstudenten aus Japan, und fühlt sich schnell zu ihm hingezogen. Ihre Liebe wird jedoch beobachtet und führt zu einer öffentlichen Bloßstellung Torleifs, wobei auch das Familienerbstück, die Meisterfidel des Ururgroßvaters, zertrümmert wird. Horimyo praktiziert die japanische Kunst des Kintsugi, der Reparatur von zerbrochenen Gegenständen mit Kleber und Goldfarbe. Er ist es, der Torleif tröstet: „Reparieren bedeutet Heilung.“ Dieser Satz löst eine innere Wende in Torleif aus. Als sein Goffa ihn schließlich in seinem Coming-Out unterstützt, findet Torleif endlich genug Stärke, um auch vor dem Dorf zu sich zu stehen.
  • Das Setting, das Elin Hansson in ihrem Roman zeichnet, ist altbekannt und so möchte man dem Protagonisten direkt entgegenrufen: „Geh nicht mit den Jungs von früher auf eine Sauftour, bleib einfach bei deinem Goffa!“ Aber es kommt wie es kommt, und die Leser:innen warten gespannt auf das erzwungene öffentliche Outing, in dem die Geschichte enden muss. Was diese Geschichte so besonders macht, sind die Zwischentöne, die nicht nur von der Musik, sondern von den Personen kommen: Torleifs Großvater, der sensibler für seinen Enkel ist, als man zuerst glaubt, und der ahnt, dass der Junge wohl eher nach dem Onkel kommt, der auch „anders“ war. Der Vater, der wortkarg und fast schon bedrohlich wirkt, dann aber seinem Sohn überraschend zugeneigt ist. Der Bruder, dem es egal ist, dass Torleif schwul ist, solange er es nicht öffentlich zur Schau stellt. Die Musikklasse und die Lehrkräfte, die viel offener sind, als Torleif es sich ausgemalt hat, und ihn unterstützen. So kann dieser Roman Mut machen: sich auf den Weg zu machen, zu sich zu stehen und sich Unterstützung zu holen. Vielleicht sind die Ängste größer als die Wirklichkeit.

  • Elin Hansson: Zweiklang. Hamburg: Arctis, 2025. Ab 14 Jahren.

Der Duft von Grün

Rot fühlt sich an, als wäre gemeinsam alles möglich

  • Grün ist die Farbe des Frühlings und des Neuanfangs, Blau das ruhige Tropfen eines Wasserhahns und das Prasseln von Regen. Gold sind die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut, es schmeckt nach Karamell. Lin verleiht Ravens Leben Glanz, sie ist Gold für sie. Rot sind die heftig flatternden Schmetterlinge im Bauch, wenn man nur noch an eine:n denken kann. Rot ist jedoch auch die Beklemmung, wenn man es ohne diese Person nicht aushält. Weiß ist süße Sahne und der Duft von Lilien. Weiß ist auch Schlittschuhlaufen mit Roan. Die Lieblingsfarbe ihrer Freundin Lin ist Lila. Denn Lila fühlt sich an wie der erste Kuss der ganz großen Liebe.
  • So empfindet Raven, ein sechzehnjähriges, blindes Mädchen, Farben. Sie sind für sie Erlebnisse und Erzählungen, Gefühle, Gerüche und Geschmäcker. Sie spielen in Ravens Leben eine große Rolle. Da sind zum Beispiel der grüne Pullover und der grüne Teppich in ihrem Schlafzimmer, die ihre beste Freundin Lin nicht ausstehen kann. Aber es ist Ravens Lieblingsfarbe. Sie besucht eine Regelschule, an der sie sich, meistens mit Lin an ihrer Seite, gut zurechtfindet. Für den Unterricht hat sie einen Computer mit Brailletastatur. Während Ravens Mutter sich ständig darum sorgt, welche Herausforderungen Raven nicht meistern kann, möchte Raven nur mit ihrer besten Freundin abhängen und über Jungs reden. Bei Lin ist sie einfach nur das: die beste Freundin, mit der man shoppen geht, klebrige Sachen isst, die Schule schwänzt oder sich in ihr langweilt, Filme guckt und ständig telefoniert. Lin erweitert Ravens Welt, bis plötzlich ein junger Mann auftaucht, der ebenfalls nicht Ravens Behinderung in den Vordergrund stellt, sondern mit ihr eine andere Welt betritt, die Kunst. Als jedoch zuerst Lin nicht mehr da ist und dann auch Roan sich zurückzieht, wird es Schwarz um Raven.
  • „Der Duft von Grün“ gibt einen spannenden Einblick in die alltäglichen Herausforderungen von sehbehinderten Menschen, jedoch ist dieser Umstand nicht der Mittelpunkt der Geschichte, sondern Ravens Erwachsenwerden. Dazu gehören Verliebtsein genauso wie die Abnabelung von der sie behütenden Mutter, dem großen Bruder nachzueifern und das Eingehen neuer Wagnisse, wie zum Beispiel ein Kurzurlaub in London. Pamela Sharon gelingt es, das Mädchen in den Vordergrund zu rücken, nicht ihre Behinderung. Gleichzeitig erlaubt sie Sehenden einen kleinen Einblick in diese Welt. Raven selbst nimmt sich nicht als behindert wahr und kann auch nicht sagen, dass sie das Sehen vermisst, denn sie kennt es nicht anders.
  • Dieser Roman ist eine ruhige, aber tiefgreifende Liebesgeschichte und eine klare Leseempfehlung für Jugendliche. Mit dem Braille-Alphabet im Anhang des Romans kann man sich daran machen, den Schriftzug auf dem Einband zu entschlüsseln. „Der Duft von Grün“ ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert.

  • Pamela Sharon: Der Duft von Grün. Stuttgart: freies Geistesleben, 2025. Ab 14 Jahren.

Break to You

Mörtel und Backstein, Blut und Knochen

  • Adriana und Jon sitzen im Jugendstrafvollzug. Gitterstäbe, Mauern, Schleusen, Videokameras, Wärter:innen und Taser trennen sie voneinander. Sie haben sich noch nie gesehen und noch nie gehört. Aber sie lieben sich.
  • Adriana stand Schmiere, als ihre Freundin einen Drogendeal durchführte. Als die Polizei anrückte, schmuggelte diese Freundin die Drogen in Adrianas Tasche, was Adriana sieben Monate in der Jugendstrafanstalt Compass einbrachte. Jon wurde wegen Mordes verurteilt, nachdem der Arzt, der seiner Mutter die aussichtsreiche Krebsbehandlung verweigert hatte, einen Herzinfarkt erlitt, während Jon ihm nach dem Tod seiner Mutter wütend in einem Parkhaus auflauerte. Beide Jugendlichen erhielten unfaire Urteile und während die Leser:innen Adriana und Jon durch ihre jeweiligen Tage begleiten, erfahren sie, dass hinter vielen anderen Verurteilungen ähnliche Schicksale stecken. Da ist z.B. der junge Silas, der ohne jegliche kriminelle Energie in Compass gelandet ist, einfach weil sich keine neue Pflegefamilie für ihn gefunden hat. Oder Pip, ein schwerkrankes Mädchen, dessen Eltern nicht die finanziellen Mittel haben, sie gesundheitlich versorgen zu lassen und sie so der Obhut des Staates übergeben haben. Monessa, die voller Aggressionen steckt, die sie nur verlassen, wenn sie an den Besuchstagen ihr Baby halten kann.
  • In dieser Trostlosigkeit, in dem die Lehrkräfte für den vormittäglichen Unterricht ausschließlich über Bildschirme in die Klassenräume zugeschaltet werden, finden sich Adriana und Jon über ein kleines Notizbuch, das sie versteckt in der Bibliothek der Anstalt hin- und hertauschen. Dort offenbaren sie einander ihre tiefsten Ängste und Sehnsüchte, sind frei von der Maske, die sie nach außen tragen. Die Kontaktaufnahme zwischen Mädchen und Jungs ist streng verboten und lange bleibt das Notizbuch ein Geheimnis zwischen den beiden. Bis sie es nicht mehr aushalten und beschließen, sich zu treffen, wozu es die Hilfe vieler weiterer Personen braucht.
  • In dem Nachwort schreiben die Autor:innen, dass sie mit Break to You die Situation von inhaftierten Jugendlichen in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit bringen wollten. Durch ihre Recherche in Jugendhaftanstalten in Kalifornien und Texas haben sie von der Isolation und der Hoffnungslosigkeit erfahren, die die Jugendlichen umgibt. Aber sie lernten auch, dass Bücher ein Lichtblick und ein Rettungsanker für die Insass:innen sind. Sie bieten Fluchträume, wo sonst nur Mauern sind. Break to You ist ein Roman, der interessante Einsichten in eine sonst abgeschirmte Welt liefert und mit den beiden Protagonist:innen eine Lektüre für beide Geschlechter.

  • Neal Shusterman, Debra Young, Michelle Knowlden: Break to You. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2025. Ab 14 Jahren.

Scandor

Nur eine Lüge, und du bist raus

  • Tessa und Philipp nehmen an einem mysteriösen Wettbewerb teil, von dem sie niemandem erzählen dürfen. Sie tragen ein Gerät, das jede noch so kleine Lüge oder Unwahrheit registriert. Zu Beginn sind es 100 Teilnehmer:innen, aber schon in den ersten Stunden scheiden viele aus. Denn plötzlich muss man sich genau überlegen, ob man seinen Kolleg:innen „gerne“ etwas aus der Teeküche mitbringt, ob man sich wirklich bedanken will, oder ob es tatsächlich „kein Problem“ ist, gestört zu werden. All diese schnellen Antworten können die Spieler:innen aus dem Wettbewerb befördern. Scandor, so heißt die neue technologische Errungenschaft, die sie testen sollen, besteht aus einem hauchdünnen Draht, einer sensorischen Folie, die um den Unterarm befestigt wird, und einem Display, das immer die aktuelle Anzahl der noch im Spiel befindlichen Teilnehmer:innen anzeigt – und auch spezielle Challenges, bei denen meistens ziemlich viele rausfliegen.
  • Tessa und Philipp aber schaffen es mehrere Wochen durchzuhalten und in die Top Ten, die dann in einem großen Landhaus aufeinandertreffen, bis nur noch eine Person übrigbleibt. Diese wird fünf Millionen Euro erhalten, während alle anderen ihren Wetteinsatz einlösen müssen: ihre ganz persönliche Horrorchallenge. Was sich jedoch zwischen den letzten drei Spieler:innen abspielt, wobei Familiengeheimnisse und Tragödien aufgedeckt werden, ist für die einen ein Fluch, für die anderen ein Segen.
  • Ursula Poznanski, die einen Beststeller im Bereich Jugendbuch nach dem anderen veröffentlicht, schafft es auch in Scandor wieder, die Leser:innen über 400 Seiten in ihren Bann zu schlagen. Die Verknüpfung einer neuen Technologie und wie sie sich auf den Alltag von jungen Erwachsenen auswirkt, ist ein Pageturner. Haben wir uns nicht schon alle mal überlegt, wie es wäre, nichts mehr zu beschönigen, sondern nur noch die reine, mitunter harte Wahrheit zu sagen? In Scandor erfahren die Leser:innen, vor welche Herausforderungen das Tessa und Philipp beruflich und privat stellt. Es regt aber auch zum Nachdenken darüber an, wie wir Sprache in unterschiedlichen sozialen Situationen verwenden. Dieser Roman dürfte auch für Jungen interessant sein und ist eine Bereicherung für jede Schulbibliothek.

  • Ursula Poznanski: Scandor. Bindlach: Loewe, 2024. Ab 14 Jahren.

Outline (GN)

Abitur - und dann?

  • Andreas, Ben und Clara stehen kurz vor dem Abitur – und vor vielen Fragen, wie es danach weitergehen soll. Während der unternehmungslustige und bei allen beliebte Ben alles eher zuversichtlich auf sich zukommen lässt, verfolgt seine Freundin Clara zielstrebig ihre Zukunftspläne. Bens Kumpel Andreas, der sich seit einiger Zeit von ihm distanziert, wirkt hingegen weder zuversichtlich, noch zielstrebig, sondern niedergeschlagen und gereizt. So gehen die drei zunächst gemeinsam in ihr letztes Schuljahr, zunehmend meidet Andreas die beiden jedoch. Was Ben nicht merkt, ist, dass hinter Andreas‘ schroffer Zurückweisung eine große Verzweiflung steckt. Ben konzentriert sich zunehmend auf seine Freundin Clara, sie gelten als das perfekte Pärchen im Abijahrgang. Doch als Clara Ben nach den Prüfungen offenbart, dass sie einen Studienplatz im Ausland antreten wird, ist nicht klar, ob sie ihren Weg gemeinsam weitergehen werden.
  • Outline, englisch für Skizze, ist in weiten Teilen skizzenhaft gezeichnet: Die Panellinien sind wie von Hand gezogen, teilweise gibt es gar keine Begrenzungen, und die Zeichnungen ragen immer wieder über die Ränder hinaus. Ebenso verhält es sich mit den Figuren. Details sind nur dort zu sehen, wo sie wichtig sind. Auch beim Text scheint es anfangs, als wäre er bloß eine Skizze und noch nicht fertig. Seitenweise kommen die Zeichnungen ohne Text aus, eine Erzählstimme gibt es nicht und die Sprechblasen enthalten nur das nötigste. So müssen die Leser:innen einige Lücken in der Figurenrede und vor allem in den inneren Monologen selbst füllen und immer wieder ans Geschehen anpassen. Was Fischels dabei großartig gelingt, ist die Authentizität in den Unterhaltungen der jungen Erwachsenen: „Läuft bei euch, wa?“; „Siehste doch!“; „Ey, ey junge – mach mich stolz!“; „Ciao, Lutscher!“ – Und dazwischen, inmitten einer ansonst weißen Seite in kleiner Schrift, die essentielle Suche aller drei Protagonist:innen: „Da muss doch etwas sein, das mir Substanz gibt.“ Damit fängt Fischels perfekt das Gefühl ein, das viele junge Erwachsene am Ende der Schulzeit überkommt. Wie geht es weiter? Wohin will ich gehen? Was will ich machen? Muss ich mich jetzt für den Rest meines Lebens festlegen? Darauf hat am Ende Andreas eine Antwort, wenn er sich in seiner Abschlussrede an die Mitschüler:innen wendet: „Keine Angst, irgendwas werden wir in puncto Zukunft schon in Angriff nehmen. […] Und das machen wir dann so lange, bis wir wissen, was wir wirklich wollen.“ So verbindet sich in Outline beides: drei persönliche Geschichten voller Unsicherheiten und unklarer Zukunft, aber auch die Zuversicht auf einen neuen individuellen Lebensabschnitt, für den es nicht nur eine Gestaltungsmöglichkeit gibt, sondern viele.

  • Michèle Fischels: Outline. Berlin: Reprodukt 2024. Ab 16 Jahren.

Louder than Hunger

Schonungslos und hoffnungsvoll: Wie die Stimme der Magersucht lauter als der Hunger ist

  • In „Louder than Hunger“ erleben Leser:innen aus der Perspektive von Jake, wie sein Leben von der Stimme in seinem Kopf gesteuert wird. Die Stimme sagt: „Du bist nichts wert. Keiner liebt dich. Du nimmst zu viel Platz ein. Du darfst nicht essen.“ Und so wird Jake immer dünner. So dünn, dass er Herzprobleme bekommt und im Rollstuhl sitzen muss. So dünn, dass er künstlich ernährt werden muss, damit er nicht stirbt. 313 Tage wird Jake in einer stationären Einrichtung um sein Leben kämpfen, wird lernen, sich selbst zu erlauben zu leben und glücklich zu sein. Er wird lernen, die laute Stimme in seinem Inneren zurückzudrängen und wieder die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen.
  • Schonungslos beschreibt John Schu Jakes Weg durch die Magersucht: die zermürbenden Zwangsgedanken, die für nichts anderes mehr Raum lassen in Jakes Kopf; die Lügen, die ihn vor dem Feind, dem Essen, schützen sollen; die Einsamkeit, weil er sich niemandem anvertrauen kann. Dies gelingt Schu so authentisch, weil er selbst als Kind magersüchtig war. Und weil Schu seine Krankheit überwunden hat, zieht auch in Jakes Geschichte irgendwann die Hoffnung ein – und nimmt zu.
  • Auf 514 Seiten, die von Anfang an ein Pageturner sind, begleiten wir Jake durch seine Tage und sein Tagebuch. Er ist ein sensibler, kreativer und künstlerisch begabter Junge mit großer Liebe für Musicals. Diese künstlerische Ader zeigt sich in seinen Tagebucheinträgen. Die Wörter transportieren den Inhalt nicht nur durch ihre Bedeutung, sondern auch durch ihre Gestaltung: Sitzen die Kinder im Stuhlkreis, so sind auch die Wörter in einer Spirale angeordnet. Möchte Jake am liebsten verschwinden, dann verblasst auch das Wort immer weiter. Schreit die Stimme in seinem Kopf, nehmen die Buchstaben viel Raum ein. Der wenige Text auf den Seiten zeichnet ein Bild und verleiht den Aussagen so noch mehr Gewicht.
  • Dieser Roman ist zugleich schonungslos in seiner Innenschau als auch hoffnungsvoll, indem er den langen und beschwerlichen Weg zur Genesung von einer potenziell tödlichen Krankheit aufzeigt. Dass das Thema uns alle angeht, verdeutlichen die Zahlen der BZgA. Demnach leiden von 1000 Frauen und Mädchen etwa 28 an einer Essstörung und von 1000 Männern und Jungen etwa 10. Deshalb hat der Verlag nach dem sehr persönlichen Nachwort des Autors eine Liste mit Anlaufstellen für von Essstörungen Betroffene abgedruckt.
  • Dieser Roman sensibilisiert für eine gesellschaftliche Erkrankung, die in allen Altersgruppen und sozialen Schichten vorkommt. Deshalb sollte er in jeder Bibliothek stehen.

  • John Schu: Louder Than Hunger. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2025. Ab 12 Jahren.

Der längste Schlaf

Ein Brunnenschacht im Wald, ein verlassenes Haus mit Spukzimmer und prophetische Träume

  • Mara kann nicht schlafen. Oder besser: Mara will nicht schlafen, denn ihre Träume werden wahr. So sieht sie als Kind im Traum ihre Eltern sterben und viele Jahre später als Erwachsene ihre Nachbarin – und alle drei Personen kommen tatsächlich kurz darauf ums Leben. Als sie schon lange in London lebt, bekommt sie plötzlich einen Brief von einem Unbekannten, der ihr sein Haus in Süddeutschland schenken will. Als Mara für eine Woche nach Deutschland fliegt, um sich das Haus anzusehen, wird sie in dem kleinen Ort Limmerfeldt in seltsame und erschreckende Ereignisse hineingezogen: Iin dem großen Herrenhaus scheint es zu spuken, zwei Kinder werden vermisst und einige Menschen in ihrer Umgebung haben Geheimnisse. Dennis, der kriegsversehrte Sohn der Pensionswirtin, ist einer davon. In ihren Träumen sieht sie ihn nachts auf der Dorfstraße. Er trägt eine Wolfsmaske und ein Mädchen geht neben ihm her. Als Mara später auf genau dieses Mädchen trifft, das sie um Hilfe bittet, ist sie sich nicht sicher, ob sie wegen des Schlafmangels unter Halluzinationen leidet oder wieder einen dieser prophetischen Träume hatte. Die Ereignisse in dem großen alten Haus und dem kleinen Ort am Wald verdichten sich immer mehr und auch die Leser:innen können sich nicht mehr sicher sein, was Traum ist und was Wirklichkeit. Irgendwann gelingt es Mara, die einzelnen Fäden zu einem Bild zu verweben, und sie findet zusammen mit Matteo, einem Schriftsteller aus Limmerfeldt, die verschwundenen Kinder.
  • Melanie Raabes Sprache ist blumig und weich, in Farben wäre sie rosa, orange und hellblau. Sie erweckt den Wald hinter Haus Limmerfeldt nicht nur in ihrem Roman zum Leben, sondern auch in der Vorstellung der Leser:innen. Die Aggression, auf die Mara während des Dorffestes stößt, ist spürbar. Mit „Der längste Schlaf“ ist ihr ein mitreißender Thriller mit gruseligen Elementen gelungen, der sich gut für Jugendliche ab 16 Jahren für die heimische Lektüre eignet.

  • Melanie Raabe: Der längste Schlaf. München: btb. Ab 16 Jahren

Die Tasche

Fragmente von Engagement, Vielfalt, Toleranz, Erschöpfung und Rassismus: das Jugendbuch „Die Tasche“ beeindruckt mit einem brisanten Blick auf unsere Gesellschaft

  • Mohammed geht in die Oberstufe einer Brennpunktschule und ist ein guter Schüler. Als die Schule einen Integrationspreis verliehen bekommt, soll er deshalb zusammen mit seiner Lehrerin Frau Schäfer den Preis in einer feierlichen Verleihung entgegennehmen. Doch Mohammed hat vor, die Veranstaltung zu boykottieren. Denn nach einigen Erlebnissen mit dem Schulleiter, der ihn und seine zwei ebenfalls muslimischen Freunde des Diebstahls bezichtigt, und einigen kulturell unsensiblen Bemerkungen eines überforderten neuen Lehrers will Mohammed sein Gesicht nicht dafür hergeben, die Farce von Toleranz und Integration, von einer „gelebten Utopie“ aus Vertrauen und Respekt, wie es Frau Schäfer in ihrer Rede formuliert, zu unterstützen. Als er von einem Mitschüler am Vormittag tätlich angegriffen wird, meldet er sich krank ab – vergisst aber in der Aula seine Sporttasche. Und plötzlich kommen verschiedene Dinge zusammen, die Mohammed und seine Freunde in einem schlechten Licht dastehen lassen. Von Vertrauen und Respekt ist keine Rede mehr, als die Polizei gerufen und Mohammed festgenommen wird.
  • Kornelia Wald und ihrem ehemaligen Schüler Houssein Kahin ist mit diesem Jugendroman ein großes gesellschaftliches Porträt gelungen: Wie leben wir Toleranz und Vielfalt? Sind es nur Schlagwörter oder können wir sie mit Vertrauen und Akzeptanz füllen? Oder enthüllen tief verwurzelte Vorurteile sie als eine bloße Maske, die wir uns für den Alltag aufsetzen?
  • Als Schullektüre bietet „Die Tasche“ enorme Identifikationsmöglichkeiten. Die Erzählweise aus verschiedenen Perspektiven, mal als transkribierte Audioaufnahme, mal als Chat, Interview oder erzählender Text, intensiviert das fragmentarische Gefühl, das die Leser:innen beim Verfolgen der Ereignisse haben.
  • Zurecht hat dieser Roman den Vielfalterpreis 2023 gewonnen, das Hörbuch wurde im November 2024 von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur zum Hörbuch des Monats gekürt. Der Verlag stellt Anregungen für die Arbeit im Unterricht kostenlos zur Verfügung. Dieses Buch sollte auf Leselisten ab Klasse 8 und in allen Schulbibliotheken stehen. Für Schulen mit eher leseschwachen Schüler:innen bietet das Hörbuch hier die Möglichkeit, das Lesen der Ganzschrift zu verkürzen und aufzulockern, indem z.B. das Sprachtagebuch von Mohammed nicht gelesen, sondern gehört wird. Die weiteren Perspektiven können gruppenweise aufgeteilt werden, sodass im Anschluss die Lerngruppe die Ereignisse zusammentragen und rekonstruieren kann.

  • Houssein Kahin, Kornelia Wald: Die Tasche. Würzburg: Arena 2024. Ab 14 Jahren.

Adieu, Birkenau (GN)

Wenn man hasst, ist man schon „mit einem Fuß in Auschwitz“: der Weg einer Auschwitzüberlebenden als Graphic Novel

  • Ginette Kolinka, die Anfang Februar 2025 stolze 100 Jahre alt geworden ist, hat 80 Jahre zuvor Inhaftierungen in mehreren Konzentrationslagern der Nationalsozialisten überlebt. In der Graphic Novel „Adieu Birkenau“ erzählt sie davon.
  • Die Geschichte ist eingebettet in den größeren Rahmen einer Lebensgeschichte, denn weder begann Ginette Kolinkas Leben im KZ, noch endete es dort. Auf den ersten drei Seiten erfahren die Leser:innen durch Kolinkas Sohn Richard, wie ihr Überleben zum Gesprächsthema in der Familie wurde. Als kleiner Junge dachte Richard, jede Mutter hätte eine Nummer auf ihrem Arm tätowiert. Doch diese Häftlingsnummer erhielt Kolinka im KZ Birkenau. Wie wir aus der Geschichte wissen, ist diese Inventarisierung nur ein kleiner Teil der entwürdigenden und dehumanisierenden Methoden, die die Nazis bei der Versklavung und Ermordung der Juden und anderer ethnischer Gruppen anwendeten.
  • „Adieu Birkenau“ schildert Kolinkas Leben über zwei aufeinander zulaufende zeitliche Erzählstränge. Die Leser:innen begleiten die lebenslustige und rüstige Rentnerin Kolinka, wie sie mit einer Schulklasse nach Auschwitz fährt und sie dort herumführt. Auf einer anderen Ebene sehen sie die Rückblicke in die Zeit des Nationalsozialismus im besetzten Frankreich und wie sich der Lebensbereich für Kolinka und ihre Familie immer weiter einschränkt. Zuerst sind beide Zeitachsen voneinander getrennt, durch visuelle Impulse werden Erinnerungen ausgelöst. Später, als Kolinka mit den Schüler:innen durch Auschwitz geht, vermischen sich beide Zeitebenen: Die Erlebnisse der Vergangenheit spielen sich vor Kolinkas Augen an dem Ort ab, an dem sie steht, und werden so auch für ihre jungen Begleiter:innen spürbar. Die Schatten der Vergangenheit sind dabei eindrucksvoll auch als solche dargestellt, als schemenhafte schwarze Gestalten ohne Individualität. Die Graphic Novel endet mit der Einweihung einer Gedenktafel für Kolinka am Collège Beaumarchais.
  • Beeindruckend ist außerdem das Vorwort Kolinkas: „Wofür ich kämpfe, wofür ich Zeugnis ablege, ist, ‚Nein‘ zu sagen zum Hass.“ Anstelle eines Nachworts finden sich eine Reihe von Materialien und Sachtexten zu Stationen von Kolinkas Lebensweg. Durch die Einbeziehung der gegenwärtigen Zeitebene bieten sich viele Anknüpfungspunkte für junge Leser:innen. Die Zeichnungen sind berührend und beeindruckend und fügen der Erzählung eine weitere Dimension hinzu. Die Graphic Novel ist hervorragend geeignet, um den Geschichtsunterricht erlebbarer zu machen.

  • Ginette Kolinka: Adieu Birkenau. Bielefeld: Splitter, 2024. Ab 15 Jahren.

Ein Lied für Ella Grey

Titel

  • „Ich bin die, die zurückgelassen wurde. Ich bin die, die diese Geschichte erzählt. Ich kannte sie beide, kannte ihr Leben und ihren Tod.“ Sie, das ist Claire, Ellas beste Freundin. Und vielleicht auch mehr als das. Zumindest bis zu einem Ausflug, den die Clique in den Osterferien unternimmt. Sie wollen am Strand zelten, singen, lachen, tanzen, frei sein. Nur Ella darf nicht mitfahren. Als die Clique am Strand plötzlich auf einen jungen Mann trifft, der sie alle in ihren Bann zieht, ruft Claire Ella mit dem Handy an, damit auch sie teilhaben kann: an Orpheus, der seinem ungewöhnlichen Instrument, einer Lyra, so liebliche Töne entlockt und dessen Gesang nicht nur die Menschen, sondern auch alle Tiere in seinem Umkreis betört. Wenn Orpheus singt, kommt die Welt zur Ruhe, Mensch und Tier sind gleich und haben nur Augen und Ohren für ihn. Und auch Ella kann sich diesem Sog nicht entziehen.
  • Als Orpheus nach den Ferien schließlich in dem kleinen Ort auftaucht, hat Ella schon auf ihn gewartet. Von nun an gehören sie zusammen. In den nächsten Ferien fahren Ella und die Clique wieder an den Strand in Northumbrien. In einem Fest aus Musik und Gesang, Tanz und Feuer, heiraten die beiden in einer kleinen Zeremonie. Sie sind überglücklich, und auch Claire freut sich mit den beiden. Als Ella jedoch Orpheus in die Dünen folgt, passiert ein Unglück, das die junge Braut nicht überlebt.
  • Wie Orpheus mit seiner Musik, gelingt es Almond mit seinen Worten, Menschen in den Bann zu ziehen. Wie eine Melodie schwingen sie durch diese zarte Geschichte von Liebe und Unglück. Wer die Parallelen zur griechischen Mythologie erkennt – Orpheus, der Lyraspieler, der mit seinem Gesang Götter, Menschen und Tiere gleichermaßen betört und Ella (Eurydike), die auf eine Schlange tritt und stirbt – kommt in den Genuss einer weiteren Bedeutungsebene. Es bleibt den Leser:innen zu hoffen, dass es Orpheus wie seinem Namensvetter gelingt, in die Unterwelt zu reisen und seine Geliebte dort wiederzutreffen.

  • David Almond: Ein Lied für Ella Grey. Stuttgart: Freies Geistesleben. Ab 14 Jahren.

Baskerville Hall

Geheimnisse, Verbrechen und Abenteuer – der junge Arthur Conan Doyle ermittelt

  • Ein Brief eines unbekannten Absenders mit einem Stipendium für eine geheimnisvolle Schule, die Reise dorthin mit einem außergewöhnlichen Transportmittel, exzentrische Lehrkräfte für ungewöhnliche Fächer – nein, es geht nicht um eine Harry-Potter-Fortsetzung, sondern dies ist der Beginn einer Geschichte um den jungen Arthur Conan Doyle, der in Baskerville Hall mit seinen detektivischen Fähigkeiten eine erstklassige Ausbildung erhalten soll. In dem in mächtigen Kreisen berühmten englischen Internat erlebt Arthur zusammen mit seinen neuen Freund:innen Pocket, Jimmy und Irene viele Abenteuer. Es geht um Mutproben für die Aufnahme in einen geheimen und exklusiven Zirkel, Einbrüche, einen frisch geschlüpften Dinosaurier und natürlich um Rivalitäten, denen der unterprivilegierte Arthur zwischen den Kindern reicher Leute ausgesetzt ist.
  • Erwachsene Leser:innen mag zuerst irritieren, dass die Sprache der Figuren aus der Gegenwart stammt und sich nicht an den Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts orientiert, aber diese Irritation ist schnell überwunden. Die moderne Sprache bringt einen Lesefluss mit sich, der zusammen mit der spannenden Handlung in einem ungewöhnlichen und fantasiereichen Setting die Leser:innen die 330 Seiten schnell und gerne lesen lässt. Standish gelingt es, dem Schöpfer von Sherlock Holmes eine eigene Welt zu schaffen, in der viele Figuren mit denselben Namen auftreten wie in Conan Doyles späteren Geschichten. Auf den letzten Seiten sind einige Fotos Conan Doyles in verschiedenen Lebensabschnitten und eine kurze Biographie angefügt. Der Titel wird als Start einer neuen Reihe angekündigt, deshalb sind mehrere Bände zu erwarten.

  • Ali Standish: Baskerville Hall. Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente. München: Hanser, 2024. Ab 10 Jahre.

fucking fucking schön

Viele erste Male

  • In „FUCKING FUCKING SCHÖN“ stellt Eva Rottmann in zehn kurzen Geschichten die gesamte Bandbreite jugendlichen Verliebtseins und beginnender Sexualität dar. Die zehn Jugendlichen leben in einer Kleinstadt und kennen sich, die meisten sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Jede:r erlebt ein ganz eigenes Liebesdrama:
  • Alex und Jenny sind verliebt, werden von ihren jeweiligen Schwärmen aber nur für eine gute Zeit angerufen. Melek ist auf Rache an Schulschönling und Player Fabian aus. Lou ist die Kleinstadt zu eng und macht sich auf den Weg ins queere Berlin, erlebt aber leider auf dem Weg einen sexuellen Übergriff. Milad liebt seine Freundin Mats, mit der er schon zwei Jahre zusammen ist und gemeinsam eine schöne Sexualität erkundet, aber seine Kumpel sind Großmäuler, sodass er alles für sich behält. Yasin und Leyla sind beide sehr verliebt ineinander; sie mit einiger Erfahrung; er mit keiner. Unsicherheiten und Interpretationen bringen sie fast auseinander, aber zum Glück kriegen sie die Kurve. So wie auch Ari und Tom, die nun endlich miteinander schlafen wollen, wobei auf der einen Seite der Penis nicht steif wird und auf der anderen Seite der ganze Körper einem Stück Holz ähnelt – bis der Zufall einen Lachflash verursacht und beide es nochmal ganz anders angehen können.
  • Rottmann gelingt es, erwachsene Leser:innen in die großen Sehnsüchte und Unsicherheiten jugendlicher Liebe mitzunehmen, indem sie die richtigen Situationen mit der richtigen Sprache kombiniert. Jede der zehn Personen hat ihren eigenen Erzählstil, ihre eigene Sprache. Es gibt Querverweise auf Protagonist:innen anderer Geschichten, sodass sich langsam ein Bild dieser Jugendgruppe zusammensetzt. Dabei fiebern die Leser:innen mit jeder Person mit und kommen ganz nah an ihre Ängste, Wünsche, Hoffnungen und auch Verzweiflung heran. So zum Beispiel bei Teddy, der Türsteher der Dorfdisko: „War mein erster Kuss überhaupt und ich sag’s wie’s ist. Ich hab nicht damit gerechnet, dass es mit einem Jungen passiert. Und gleichzeitig hat alles in mir gewusst, dass es mit einem Jungen passiert.“ Oder wenn wir mit Jenny mitfühlen, die an nichts anderes mehr denken kann als an Momo: „[…] noch zwei Mal schlafen, bis wir uns sehen. Das ist die Zeiteinheit, in der ich momentan mein Leben messe. Es gibt die Tage vor dir und die Tage nach dir.“ Pornos spielen eine große Rolle in diesen Geschichten. Es wird gezeigt, welchen Platz sie bei vielen Jungs einnehmen und welchen Ekel sie bei den meisten Mädchen erzeugen – und die Erkenntnis, dass die echte gemeinsame Sexualität eine ganz andere ist. Die über allem stehende Message in jeder Geschichte ist: Erlaubt ist, was dir als einzelner Person und euch als Paar guttut, nicht, was durch Gruppendruck oder falsche Vorbilder auf euch einwirkt. FUCKING FUCKING SCHÖN sollte in keiner (Schul-) Bibliothek fehlen.

  • Eva Rottmann: Fucking, Fucking schön.Berlin: Jacoby und Stuart, 2024. Ab 14 Jahren..

Wut

Geister in der Atmosphäre, Wut auf der Erde

  • Zwischen Himmel und Erde gibt es Vieles, das wir nicht erklären können. Zum Beispiel ein Summen, das direkt von der Erde selbst zu kommen scheint. So beschreibt es zumindest Cassie, die es als einzige hören kann. Und während es in der Ionosphäre hoch über unseren Köpfen zu roten und blauen Blitzen von elektrischen Entladungen kommt, zuckt es hier unten auf der Erde auch in Cassie – und in ihrem Vater und in vielen anderen Menschen. Wut ist es, die viele über die Coronamaßnahmen, vor allem über den Lockdown, empfinden. Wut auch über die vielen kleinen und größeren Ungerechtigkeiten, die jeder Mensch erlebt. Cassies Vater ist wütend, dass die Erde als Lebensort nicht mehr zu retten ist. Fitz ist wütend, weil seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen hat. Und er ist wütend, weil er sich nicht besser um Cassie gekümmert, sondern sie alleingelassen hat. Als Cassie verschwindet und die Polizei nach ihr sucht, resümiert Fitz: „‘Fang von vorne an‘, sagen immer alle. So viele Leute sagen das. ‚Erzähl die Geschichte einfach von Beginn an.‘ Aber wer weiß denn, womit etwas wirklich losgeht?‘“ Doch er findet einen Hinweis, der allen anderen entgeht.
  • In diesem Jugendroman aus der bekannten Reihe „Super lesbar“ beim Beltz-Verlag spielt die Wut nur eine leise Rolle. Sie entlädt sich nicht durch große Aggressionen oder Taten, sondern zieht sich durch das Leben der Protagonistin Cassie. Kurz scheint es, als würde sie sich ihrer Verzweiflung hingeben, aber dann wird aus der Wut ein Wendepunkt. Sedgwick versteht es, mit leisen Tönen und komprimierter Handlung einen Ausweg aus verzweifelten Lagen aufzuzeigen – und bei allem die versöhnende Macht der Musik einfließen zu lassen. Auch für Jugendliche, die nicht so leseaffin sind, gut lesbar.

  • Marcus Sedgwick: Wut. Weinheim Basel: Gulliver, 2024. (Super lesbar). Ab 13 Jahre.