Der Duft von Grün
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Rot fühlt sich an, als wäre gemeinsam alles möglich
  • Grün ist die Farbe des Frühlings und des Neuanfangs, Blau das ruhige Tropfen eines Wasserhahns und das Prasseln von Regen. Gold sind die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut, es schmeckt nach Karamell. Lin verleiht Ravens Leben Glanz, sie ist Gold für sie. Rot sind die heftig flatternden Schmetterlinge im Bauch, wenn man nur noch an eine:n denken kann. Rot ist jedoch auch die Beklemmung, wenn man es ohne diese Person nicht aushält. Weiß ist süße Sahne und der Duft von Lilien. Weiß ist auch Schlittschuhlaufen mit Roan. Die Lieblingsfarbe ihrer Freundin Lin ist Lila. Denn Lila fühlt sich an wie der erste Kuss der ganz großen Liebe.
  • So empfindet Raven, ein sechzehnjähriges, blindes Mädchen, Farben. Sie sind für sie Erlebnisse und Erzählungen, Gefühle, Gerüche und Geschmäcker. Sie spielen in Ravens Leben eine große Rolle. Da sind zum Beispiel der grüne Pullover und der grüne Teppich in ihrem Schlafzimmer, die ihre beste Freundin Lin nicht ausstehen kann. Aber es ist Ravens Lieblingsfarbe. Sie besucht eine Regelschule, an der sie sich, meistens mit Lin an ihrer Seite, gut zurechtfindet. Für den Unterricht hat sie einen Computer mit Brailletastatur. Während Ravens Mutter sich ständig darum sorgt, welche Herausforderungen Raven nicht meistern kann, möchte Raven nur mit ihrer besten Freundin abhängen und über Jungs reden. Bei Lin ist sie einfach nur das: die beste Freundin, mit der man shoppen geht, klebrige Sachen isst, die Schule schwänzt oder sich in ihr langweilt, Filme guckt und ständig telefoniert. Lin erweitert Ravens Welt, bis plötzlich ein junger Mann auftaucht, der ebenfalls nicht Ravens Behinderung in den Vordergrund stellt, sondern mit ihr eine andere Welt betritt, die Kunst. Als jedoch zuerst Lin nicht mehr da ist und dann auch Roan sich zurückzieht, wird es Schwarz um Raven.
  • „Der Duft von Grün“ gibt einen spannenden Einblick in die alltäglichen Herausforderungen von sehbehinderten Menschen, jedoch ist dieser Umstand nicht der Mittelpunkt der Geschichte, sondern Ravens Erwachsenwerden. Dazu gehören Verliebtsein genauso wie die Abnabelung von der sie behütenden Mutter, dem großen Bruder nachzueifern und das Eingehen neuer Wagnisse, wie zum Beispiel ein Kurzurlaub in London. Pamela Sharon gelingt es, das Mädchen in den Vordergrund zu rücken, nicht ihre Behinderung. Gleichzeitig erlaubt sie Sehenden einen kleinen Einblick in diese Welt. Raven selbst nimmt sich nicht als behindert wahr und kann auch nicht sagen, dass sie das Sehen vermisst, denn sie kennt es nicht anders.
  • Dieser Roman ist eine ruhige, aber tiefgreifende Liebesgeschichte und eine klare Leseempfehlung für Jugendliche. Mit dem Braille-Alphabet im Anhang des Romans kann man sich daran machen, den Schriftzug auf dem Einband zu entschlüsseln. „Der Duft von Grün“ ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert.

  • Pamela Sharon: Der Duft von Grün. Stuttgart: freies Geistesleben, 2025. Ab 14 Jahren.